IT-Hilfe und Organisationsentwicklung für Schuldnerberatung & Anwaltskanzlei

Er hatte es eilig. Es würde sein letzter Hausbesuch für heute sein.
Er überquerte die Straße,  um die Nr. 54 in Block 10 M  zu erreichen.   Er hatte es in den letzten Jahren gelernt, eilig zu leben. Bald würde es gemächlicher werden. Er träumte manchmal davon, doch da noch war kein Gefühl.

Er stand in seinem letzten Arbeitsquartal. Danach war Schluß. Andere würden für ihn weitermachen.

Es war eine Arbeit gewesen, die getan werden mußte. Er machte sich jetzt um seine eigene Zukunft keine großen Sorgen. Er hatte in der Einrichtung ein lebenslanges Wohnrecht. Das war damals das Angebot, dass sein Arbeitgeber ihm und den anderen gemacht hatte, als sie in die Diakonie-Leasinggesellschaft wechselten. Es war ein kleiner Ausgleich für den geringen Lohn, der wenig mehr als ein Taschengeld war. Aber es reichte, zumal sie durch die Großküche des ehemaligen Krankenhauses, in denen sie lebten, günstig versorgt wurden.

Und der Umgang mit Geld hatte sich in Europa seit dem Zusammenbruch der beiden großen Hypothekenbanken auf dem nordamerikanischen Kontinent dramatisch und radikal verändert. Das Bargeld war völlig abgeschafft worden  vor nunmehr 16 Jahren und Kreditaufnahmen nicht nur verboten, sondern auch unnötig. Das war der Preis, den Europa zahlen musste, um sich von dem amerikanischen Zusammenbruch abzukoppeln. Drüben kam es jetzt zur Sezession und Abspaltung. Die USA hatten aufgehört, ein einheitliches wirtschaftliches und politisches Gebiet zu sein.


Diesmal hatten die europäischen Staaten
aus dem vergangenen Jahrhundert gelernt.  Europa war auf den Tag X vorbereitet gewesen und konnte die vorbereiteten Schubladengesetze und Notverordnungen innerhalb von 48 Stunden durch die Parlamente jagen.


Europa stoppte  den Bargeldumlauf von einem Tag zum anderen.

Jeder Bürger bekam jetzt sein Girokonto und zahlte ausschließlich mit Giralgeld und dieser Karte. Die Zentralbank entwertete monatlich den Bestand dieses Geldes um einen gewissen Prozentsatz. Die Karten wurde einmal monatlich automatisch und ohne zutun online geschaltet. Mit dieser gesteuerten Entwertung wurde der Geldkreislauf auch ohne wachsende Nachfrage oder Aufblähung des Geldumlaufes durch das Kreditsystem   weiter in Schwung gehalten. Jeder wusste einfach, dass zum Monatsende sein individuelles Guthaben auf der Geldkarte schrumpfte. Und jeder war bestrebt, dafür Lebensmittel und das Nötigste zu kaufen - und manchmal auch etwas Luxus. Seife aus dem Süden, Kaffee oder Tee aus Fernost.  Fast alle konnten damit durchkommen und überleben.

Und für diejenigen, die beim Einkaufen und kalkulieren Hilfe brauchten, gab es Leute wie ihn. Kaufberater oder auch Kauflotsen wurden sie genannt. Vor allem aus dem Kreis ehemaliger  Schuldnerberater und Bankkaufleuten wurden sie rekrutiert. Sie waren auf ihre Art wieder so etwas wie Experten.

Es würde für heute sein letzter Hausbesuch sein.


(K.H. 2004)

Zu dieser Geschichte inspirierte mich ein Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 15.4.2004:

HYPOTHEKENBANKEN
Gefährliche Geldmaschinen
Fannie Mae und Freddie Mac sind die größten Hypothekenbanken der Welt. Jetzt
kommen erste Zweifel an ihrer Seriosität auf
VON HEIKE BUCHTER

http://www.zeit.de/2004/17/Fannie_Mae

Wie steht es im jahr 2011 um die beiden ? http://www.heise.de/tp/blogs/8/149142